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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
- offener Brief an Gohde
- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

-Ordenskorrespondenz

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Ehemalige Heimkinder

Die Verbandsversammlung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen hat in ihrer Plenarsitzung
am 5. April 2006 einstimmig beschlossen:


”Der Landeswohlfahrtsverband Hessen erkennt an, dass bis in die 70er Jahre auch in seinen Kinder- und Jugendheimen eine Erziehungspraxis stattgefunden hat, die aber aus heutiger Sicht erschütternd ist. Der LWV bedauert, dass vornehmlich in den 50er und 60er Jahren Kinder und Jugendliche in seinen Heimen alltäglicher physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren.

Der Landeswohlfahrtsverband spricht sein tiefstes Bedauern über die damaligen Verhältnisse in seinen Heimen aus und entschuldigt sich bei den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern die körperliche und psychische Demütigungen und Verletzungen erlitten haben.

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen wird sich weiterhin offensiv mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit auseinandersetzen und sich den Fragen und Unterstützungsersuchen ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner stellen sowie die in seinen Möglichkeiten liegende Unterstützung leisten.”

(Gemeinsame Resolution aller Fraktionen der Verbandsversammlung)

 

Rede auf der Plenarsitzung der Verbandsversammlung 2006 des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen am 5. April 2006

Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte ehemalige Heimkinder

Die Verbandsversammlung des Landeswohlfahrtsverbandes bittet alle ehemaligen Kinder und Jugendlichen um Entschuldigung, denen in seinen und anderen Heimen und Einrichtungen körperliche und psychische Gewalt angetan worden ist.

Wir bedauern zutiefst, dass ihnen auch Leid zugefügt worden ist von denjenigen, die Sie durch ihre Obsorge (sorgende Aufsicht) davor schützen wollten. Dass so etwas möglich war, können wir uns nur dadurch erklären, dass wir unsere tätige Mitmenschlichkeit zutiefst vernachlässigt haben. Namens dieser Versammlung bitte ich Sie um Vergebung für alles, was Ihnen unrechtmäßig angetan worden ist. Wir bitten Sie um Verzeihung. Wir bitten Sie auch darum, dass Sie dem Landeswohlfahrtsverband Hessen und anderen Beteiligten Gelegenheit geben, gemeinsame Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten für die Aufarbeitung Ihrer schrecklichen Erlebnisse zu finden. Dieses Bestreben nach Möglichkeiten gemeinsamer Aufarbeitung ist von der Gewissheit getragen, dass es jenseits der zugefügten Verletzungen und Beschädigungen, im Landeswohlfahrtsverband auch immer den entschiedenen Willen gab und weiterhin gibt, die Würde des einzelnen nicht mutwillig zu schädigen. Insbesondere der Würde des schwachen Menschen wollen wir gerade durch engagierte pädagogische und therapeutische Arbeit zur Durchsetzung verhelfen.

Es geht nicht darum Vergangenheit zu bewältigen, das kann man gar nicht. Ihr Leid bleibt verbunden mit Holzpritschen ohne Matratzen, mit Strafbunkern, Besinnungsräumen, Arbeitszwang, Schlägen, Demütigung. Die Lebensgeschichten der über 800 000 ehemaligen Heimkinder sind auch geprägt vom Leid im Nachkriegsdeutschland. In der lugend der heute 50- bis 70-jährigen heißt das zentrale Thema Zerrissenheit von Familien und Desintegration nach Krieg und Gefangenschaft, Berufs- und Heimatlosigkeit. In den Begründungen der Heimeinweisungen lesen wir Begriffe, die sich angesichts heutiger Problemstellungen im Jugendbereich nahezu “verniedlichend" anhören: "Sittliche Verwahrlosung", "Verlogenheit", "halbstark", "Leistungsschwäche", "Arbeitsbummelei", aber auch "Bettnässen", "Stottern" oder "Nägelkauen" steht in den noch vorhandenen Fürsorgeakten. Wir haben gehört, dass sehr viele von den ehemaligen Heimkindern unser Land verlassen haben, um die tiefen Narben zu verstecken. Die Dagebliebenen wollten mit ihrer Heimvergangenheit abschließen; der Preis dieser Verdrängung sind heute oft gesundheitliche Defizite, die mit Alkoholabhängigkeit, Angst- und Panikattacken, chronischen Kopf- und Rückenschmerzen, Aggressionsausbrüchen, Suiziden verbunden sind.

Wir entschuldigen uns bei Ihnen dafür, dass wir als Verantwortliche das Gespräch und den Weg zu Ihnen - als direkt Betroffene, Ihnen - als verletzte ehemalige Heimkinder, erst so spät gefunden haben. Es tut uns sehr leid, dass wir Sie zu lange in Ihrer Angst und Einsamkeit alleine gelassen haben. Wir hätten wissen können, dass viele der Häuser, in denen Ihre Fürsorgeerziehung stattgefunden hat, erst wenig Jahre vorher Orte der Inhumanität waren. Wir hätten wissen können, dass dies auch für Sie eine besondere Schande bedeutet hat. Wir lernte nur langsam zu verstehen, wie groß die Scham ist, diesen Teil in Ihrer Biografien gegenüber Familie, Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn zu offenbaren. Die Unmöglichkeit sich von dem von Ihnen erfahrenen Leid frei zu sprechen, sich auch zu Ihrer Heimkind-Identität öffentlich zu bekennen, mag Begründungen in Unachtsamkeiten habet sie steht jedoch auch mit unserer Angst vor einer moralischen Aufarbeitung dieses Teils unseren öffentlichen und beruflichen Handelns in Verbindung. Aber 30 Jahre nach diesen Ereignissen stehen weder juristische Beurteilungen noch gerichtliche Verurteilungen auf der Tagesordnung. Niemand hegt Groll nach dem einen Heimleiter oder einzelnen Erziehern, obwohl dies durchaus verständlich wäre. Vielmehr geht es doch darum, dass wir gemeinsame Wege finden, um Ihnen diese verloren gegangene Ehre zurückzugeben. Dies wird sicher noch ein harter und anstrengender Weg sein. Denn es muss uns alle sehr nachdenklich stimmen, wenn ein ehemaliger Heimjugendlicher nach jahrelanger Therapie schreibt: "Nein, das Vergangene ist nicht es ist nicht einmal vergangen. Es lebt in mir, so lange ich lebe und daran denke, davon träume. Ich träume fast jede Nacht von den Qual von den Demütigungen und den Erniedrigungen im Heim. Das letzte Mal, das ich vom Heim im Taunus träumte, war heute Nacht."

Trotzdem können wir Hilfe organisieren. Wir wollen Ihnen mehr als bisher unsere Unterstützung anbieten, so dass Betroffene ihre Lebensgeschichte aufschreiben können. Das Unglaubliche niederzuschreiben heißt, der eigenen Erinnerung glauben zu können. Dies ist wirksame Selbsthilfe. Den Mut zu finden, sich Gehör zu verschaffen, Ihr Leid zu teilen, damit haben Sie selbst begonnen, indem Sie Ihr eigenes Netzwerk in Form eines Vereins gegründet haben. Damit haben Sie den vielen, die mit ihnen gelitten haben, einen Weg zur Überwindung der Isolation und Einsamkeit gebahnt. Daran schließt sich auch die Frage nach einem würdigen Ort, der Aufbewahrung und Erinnerung an. Hilfestellungen zur Geltendmachung von materiellen Ansprüchen sind bereits öffentlich genannt worden. Konkrete Hilfe muss auch geleistet werden, wenn Sie an die Orte der Geschehnisse nach so langer Zeit zurückkehren wollen. Gefragt sind einfühlsame Begleitungen, wenn Sie ihre ehemaligen Heime aufsuchen wollen ur Einsicht in die dort vorhandenen Akten nehmen wollen.

Der von mir oben erwähnte Brief eines Heimjugendlichen endet trotz tiefem Schmerz sehr versöhnlich: "Um ein bisschen glücklich zu sein musst du dich mit dem Leben versöhnen, so wie es nun einmal ist. Ohne Anstrengung und den Willen Schmerzen und Angst zu überkommen, kann man nicht wachsen."

Sie haben bereits gezeigt, wie viel Kraft in Ihnen steckt, die traurigen Erlebnisse Ihrer Jugend zu verarbeiten. Dennoch möchten wir Sie in Zukunft besonders dort aktiv unterstützen, wo Sie auf Mauern des Schweigens stossen und Ihnen der Zugang zu der "verlorenen Zeit" versperrt bleiben soll Gemeinsam müssen wir akzeptieren, dass die Grausamkeiten von einst nicht ungeschehen gemacht werden können. Wir vom Landeswohlfahrtsverband Hessen wünschen uns jedoch, dass Sie - wie der vorgenannte ehemalige Heimjugendliche - einen Weg gefunden haben, versöhnlich mit Ihren Wunden und Ängsten aus dieser Zeit umgehen zu können.

(Sprecher: Heupert, Bündnis 90/Die Grünen)

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