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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
- offener Brief an Gohde
- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

-Ordenskorrespondenz

Aktuelle Artikel von Peter Wensierski im SPIEGEL hier...

Kontakt zu
Peter Wensierski hier...

Berichte von der Veranstaltung in Idstein/Kalmenhof.
hier...
    ...hier...    ...hier.... ..und hier...

Die Dokumentation der gesamten Konferenz ist fertig und wird noch im August an alle Teilnehmer kostenlos verschickt

source_44896927dc576_PICT0033-kleiner  Massengrab Kalmenhof   

   Elfriede Schreyer und Sohn

Text der Lesung von Peter Wensierski in Idstein hier...

Zu den Ergebnissen der Tagung im Kalmenhof gehören
unter anderem folgende konkrete Vereinbarungen:

- ein Arbeitstreffen von Heimkindern am Runden Tisch mit kirchlichen und staatlichen Betreibern der Heime findet statt
- auf diesen Treffen werden u.a. die konkreten Fragen der Anerkennung der früheren Arbeitszeiten für die Rente und der Wiedergutmachung angegangen
- eine Anhörung von Heimkinder vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages in Berlin noch in diesem im Herbst
- ehemalige Heimkinder wurden eingeladen, um an verschiedenen Fachhochschulen und Universitäten heutigen Pädagogik-Studenten von Ihren Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten
- die zuständigen Ministerien wollen die noch vorhandenen Probleme bei der Akteneinsicht (z.B. bei Jugendämtern) abbauen. Der bisherige Chef der Diakonie, Jürgen Gohde, hat gesagt: “Besser eine Akte, die gegen uns spricht, als eine vernichtete Akte.”
- weitere breite wissenschaftliche Aufarbeitung der 50-er und 60-er Jahre in den Heimen, eine Wanderausstellung über die Heimerziehung und der Aufbau von Erinnerungsorten im Kalmenhof, in Breitenau, Freistatt und anderswo

Der Kalmenhof heute: mehr Bilder...  etwas über den Kalmenhof...

Nach der Veranstaltung in Freistatt: Ehemaliges Heimkind veröffentlich seine Fürsorgeakte

Berichte von der Veranstaltung in Paderborn hier....

„Die Erinnerungen an den Kalmenhof sind immer in mir“

Lesung auf der Veranstaltung in Idstein am 9. Juni 2006

Klaus Lehning, Landeswohlfahrtverband Hessen: “Herr Wensierski, ich würde Sie ums Wort bitten. Wir haben uns vor zwei Jahren hier auf dem Kalmenhof kennen gelernt, da war das Buch im Entstehen, jetzt ist es da.”

Peter Wensierski: Vorweg ein, zwei Sätze zur Entstehungsgeschichte des Buches. Es war so: da gab es diesen irischen Spielfilm über die Situation in irischen Mädchenheimen in den deutschen Kinos vor ein paar Jahren und eine Leserin aus Paderborn, Gisela Nurthen, rief mich an und fragte danach. So sind wir ins Gespräch gekommen, denn sie erzählte mir, sie habe dasselbe in Deutschland erlebt, im Dortmunder Vincenzheim bei den „Barmherzigen Schwestern“. Daraufhin entstand ein Zeitungsartikel im SPIEGEL Heft 21/2003 und ich bekam in den Wochen danach fast 500 Zuschriften. Ich merkte, hier im Lande ist das Problem vielleicht noch größer als in Irland ! Die Briefe kamen überwiegend aus Westdeutschland, einige aus dem Ausland. Die Menschen waren früher in den unterschiedlichsten Heimen gewesen und sie berichteten ziemlich viele schreckliche Dinge, die aber alle sehr ähnlich waren. Daher dachten wir in der SPIEGEL-Redaktion, dass man es nicht bei einem Zeitungsartikel belassen kann und so entstand das Buch.

Der Anstoß kam von den Heimkindern im Lande selbst. Denn wir reden ja nicht über ein historisches Problem! Es gibt wirklich Tausende von Menschen, die diese Zeit in ihrem Inneren verschlossen hatten, die, wenn überhaupt, bisher vielleicht nur in ihrem engsten Umkreis darüber geredet haben, nun aber, 30 Jahre nach den Geschehnissen, endlich darüber Öffentlichkeit herstellen wollen, um so ihre Probleme zumindest ansatzweise lösen zu können nach jahrzehntelangem Schweigen und Verdrängen.

Ich lese Ihnen ein – auf 20 Minuten – gekürztes Kapitel über den Kalmenhof vor.
Bei der Recherche für dieses Buchkapitel hat mich hier in Idstein besonders interessiert, wie sogar die Ermordung von Kindern im Kalmenhof vergessen werden konnte. Sicher, das Schicksal der Heimkinder ist nach 1970, nach den Apo-Aktionen, die es vor allem hier in Hessen gab, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit in der Bundesrepublik verschwunden. Aber wie konnte es im Kalmenhof und in Idstein in den 50-er, 60-er und 70-er Jahre vergessen werden, dass hier bis 1945 Kinder umgebracht wurden? Wo es doch nach dem Krieg öffentliche Prozesse gegen die Verantwortlichen gegeben hatte? Und welchen Preis hatte das Verdängen der Verbrechen der Nazizeit, die Übernahme von Erziehern, die den Namen nicht verdienen, die Fortdauer einer unbarmherzigen Erziehung zu Zucht und Ordnung, die mangelnde Kontrolle des Staates und das wehrlose Ausgeliefertsein ganzer Generationen von Fürsorgezöglingen? Diesen Fragen bin ich bei meinen Recherchen etwas nachgegangen und aus den aufgeschriebenen Erfahrungen möchte ich Ihnen ganz kurz etwas vorlesen:

Zum Kalmenhof gehörte eine ehemalige Staatsdomäne, der Hof Gassenbach mit über 700 ha. Er wurde zu einem erheblichen Teil von Zöglingen bewirtschaftet, selbst die jüngsten Kinder mussten mithelfen. Während der Kartoffelernte arbeiteten 14j-ährige sozusagen im Akkord auf den Feldern und mancher, der nicht schnell genug war, wurde schon mal mit dem Stock geprügelt. Auf dem Landgut gab es eine Milchküche, in der Melkbuben schon um 4 Uhr früh mit der Arbeit beginnen mussten. Es gab Kuh- und Schweineställe, Gärtnereien, Zuchtställe und einen Kartoffelbetrieb, in dem für die Großküche des Heimes zentnerweise Kartoffeln vorbereitet wurden, auch von Kindern. Hier rackerte z. B. Ende der 50-er Jahre ein Heinz-Peter Junge für insgesamt fünf Jahre. Er gehörte zur Hofkolonne, die früh um sechs aufstehen musste, einen Becher Kaffee bekam und anschließend militärisch in Zweierreihen angetreten zur Arbeit eingeteilt wurde, die dann in der Regel bis zum Abend dauerte.

Die Kalmenhof-Zöglinge dienten als billige Arbeitskräfte auch bei Idsteiner Bürgern über viele Jahrzehnte. Sie kehrten die Straßen, gruben Gärten um und trugen Kohlensäcke aus. Der Lohn war oft nur 1 Mark. Auch Industriebetriebe und Geschäfte hier in der Gegend stellten Heimkinder ein. Von den 3 Mark Stundenlohn blieben den Kindern aber nur 1 Mark und 20 Pfennig, alles andere kassierte das Heim. Arbeiten mussten die Kinder auch im Wald für die Försterei, Direktor Alfred Göschel ließ sogar einen Fischteich ausheben, dessen eifrigster Nutzer er selbst war. Die für das Heim verantwortlichen Herren vom Landeswohlfahrtsverband aus Kassel besuchten den Kalmenhof sehr oft und bekamen stets eine heile Welt präsentiert. Die Heimdirektoren betrieben eifrige Fassadenpflege mit Führung durch das weitläufige Heimgelände auf akkurat geharkten Wegen, vorbei an gepflegten Blumenrabatten. Das jährliche Sommerfest hinterließ bei den Besuchern aus Idstein und Kassel stets den Eindruck, dass hier die Kinder auf’s Beste gefördert würden. Auch wenn die Eltern ihre Kinder besuchten, wurden diese besonders fein hergerichtet, während sie sonst oft Anstaltskleidung trugen.

Warum Volker aus Kassel überhaupt ins Heim gekommen ist, weiß er bis heute nicht. Inzwischen ist er über 50 Jahre alt und kann sich aber noch genau an jenen Nachmittag erinnern, als er mit seinem Freund gerade auf dem Spielplatz nahe seinem Elternhaus herumtollte. Ein VW-Bus fuhr plötzlich direkt bis an den Sandkasten heran. Eine Frau stieg aus und versprach ihm zwei Eis, wenn er nur brav mitfahren würde. Sie behauptete, von seiner Mutter geschickt worden zu sein. Die Frau machte mit dem Siebenjährigen nur einen kurzen Zwischenstopp zu Hause, um dort den bereits gepackten Koffer abzuholen. Seine Mutter kam zwar herunter zum Auto, schob kurz die Tür auf und sagte zu ihm, sie komme gleich wieder. Sie kam aber nicht mehr zurück.

Der Wagen fuhr von Kassel bis Idstein und Volker erhielt auf der Fahrt wie versprochen zwei Mal ein Eis. Im Kalmenhof stieg der kleine Junge aus. Man brachte ihn in den Schlafsaal des Bubenhauses. So, sagte der Erzieher, der ihn in Empfang genommen hatte, das ist von jetzt an dein Bett. Volker saß auf der karierten Bettdecke, allein in einem riesigen Schlafsaal. Die Zeit verging und niemand kümmerte sich um ihn. Es wurde dunkel, man hatte ihn einfach vergessen, zum Abendessen abzuholen. In seiner ersten Nacht im Kinderheim nässte er sein Bett ein. Der Erzieher, der am nächsten Morgen um halb sieben die Kinder weckte, schimpfte und brachte ihm eine neue Matratze. Die anderen Kinder verließen den Schlafsaal um frühstücken zu gehen. Er musste im Zimmer bleiben bis zum späten Vormittag. Da kam ein anderer Erzieher, der sagte „Jetzt müssen wir dir die Haare schneiden, wenn ich rufe, kommst du raus“. Im langen Flur stand ein Stuhl. „Da setz dich hin, damit wir schneiden können“. Volker wollte nicht, er hatte Angst vor der laut surrenden Haarschneidemaschine. Ein zweiter Erzieher kam, der drückte ihn auf den Stuhl und hielt ihn fest. Der andere begann, den Jungen mit dem elektrischen Haarschneider zu scheren. Volker wehrte sich, schüttelte seinen Kopf, versuchte sich vom Stuhl zu winden. Ein dritter Erzieher kam, der drehte ihm die Arme nach hinten, der Zweite hielt seinen Kopf an den Ohren fest. Der Frisör schor die langen schwarzen Haare, auf die der Junge so stolz gewesen war. Er verpasste ihm einen Fassonschnitt, wie ihn alle hier trugen.

Man schrieb das Jahr 1963, US-Präsident John F. Kennedy besuchte Berlin, die Beatles brachten ihr erstes Album heraus, die Russen schickten die erste Frau ins All, in England wurde ein Postzug ausgeraubt, Kassettenrecorder lösten das Tonband ab, „Winnetou“ feierte Premiere in den deutschen Kinos, James Bond schickte „Liebesgrüße aus Moskau“ und Martin Luther King hielt seine berühmte Rede „I have a dream“. In den Kalmenhof drang davon wenig.

Das Regime der Erzieher sah demütigende Bestrafungen vor den Augen aller anderen vor. Die Kinder sollten miterleben, was ihnen drohte, wenn sie ungehorsam waren. Niemand wollte einen Fehler machen, doch das war kaum möglich. Ein Fehler war schon, wenn man am Frühstückstisch ein Brot herunterfallen ließ. Jedes Mal, wenn Volker ein Marmeladenbrot aus der Hand gerutscht war, wurde ihm auf den Hinterkopf geschlagen. „Das hebst du sofort auf und hinterher putzt du den Boden!“ Den ganzen Boden.

Wer beim Beten durch noch so leises Kichern gestört hatte, bekam manchmal gar nichts mehr zu essen, musste aber zwischen den anderen, die aßen, sitzen bleiben. Fiel einem Kind Kartoffelsalat herunter, kam es auch schon mal zu Gespött aller diesen vom Boden essen musste. Auch wenn im Aufenthaltsraum gespielt wurde, hatte dies nur auf dem Tisch zu geschehen. Es durfte selbst beim Spielen nichts herunterfallen. Michael Fritz, mit Volker zu gleichen Zeit im Bubenhaus, weil sein Vater gestorben war, bekam die Rache einer Erzieherin zu spüren, zu der der 10-jährige angeblich zu frech gewesen war. Kurz darauf fand er auf seinem Bett das Einzige, was er von zu Hause hatte behalten dürfen, einen Teddy vollkommen zerstückelt vor, die Arme und Beine waren abgeschnitten.

Die Erzieher quälten Kinder gerne an Orten, wo es keine Zeugen gab. Dazu gehörten die Duschen im Keller. Sie waren bei den Kindern verhasst. Die Erzieher konnten über kalt und heiß bestimmen. Manche machten sich einen Spaß daraus, das Wasser viel zu heiß zu stellen, so dass die Kinder schrieen. Andere Aufseher ließen die Kinder im Keller zur Strafe kalt duschen und so lange frierend stehen, bis sie zitterten. Einige Erzieher betranken sich oft und waren dann noch unkontrollierter als sonst. Sie saßen dann abends in der Küche im Aufenthaltsraum und die Kinder hörten bis in den dritten Stock hinauf grölen.

Volker schlief schon, als einmal mitten in der Nacht im Schlafraum das Licht angeknipst wurde. Ein Erzieher, vor dem viele Kinder große Angst hatten, kam herein, trat vor das erstbeste Bett. „Aufstehen!“ Der Junge, er hieß Heinz, hatte sich noch nicht erhoben, da traf ihn schon ein Schlag ins Gesicht. Geht das nicht schneller? Heinz hatte beide Hände wie einen Schild über seinen Kopf erhoben und schwieg. „Sonst noch jemand einen Gute-Nacht-Kuss?“

Gewaltausbrüche der Erzieher, die sich kurz zuvor noch nett gegeben hatten, gab es immer wieder. Ein gewisser Teil davon spiegelt sich im Strafbuch des Bubenhauses wider. In der Kladde, deren offizieller Name „Erziehungsmaßnahmenbuch“ lautete, trugen ab und zu die Erzieher für ihren Direktor ein, wen sie wie und warum bestraften. Göschel zeichnete allerdings oft erst Wochen später ab. Es sollte ihm wohl zur Entlastung dienen, dieses Buch, dafür dass nur ein Bruchteil der alltäglichen Bestrafungen zudem oft verharmlost, Zitat: „zwei Schläge mit der Hand auf die Schulter“ eingetragen wurde, ist die Kladde dennoch aufschlussreich. Ganz offen steht dort zwischen 1963 und 1970 unter Erziehungsmaßnahme nicht nur das Wort „Schläge“, sondern auch ein „paar Schläge mit dem Stock“ oder „Essensentzug“, „Ohrfeigen“. Für „Ungehorsam beim Kirchgang“ gab es „Besinnungszimmer“. Für „Entweichen aus der Kirche“ während des Gottesdienstes „Ersatz der Hauptmahlzeit durch Brot“. Weil er „die Stadtmauer überklettert“ hatte, musste ein Junge den „Tagesraum bohnern“. Auf einen „Diebstahl von Apfelsinen“ in der Küche, „hartnäckiges Leugnen“, folgten „vier Ohrfeigen“. Wegen „anhaltender Unsauberkeit und Unordnung“ gab es „zwei leichte Schläge auf das Gesäß“. Im Februar 1968 verpasste eine Erzieherin mit einem Kleiderbügel mehrere Schläge auf das Gesäß eines Jungen, weil er sich beim Spielen im Wald von der Gruppe entfernt hatte.
All diese Schläge waren natürlich auch gesetzlich verboten, trotzdem wurde es sogar in dieses offizielle Strafbuch eingetragen.
Die Kinder im Kalmenhof waren den Erziehern praktisch wehrlos ausgeliefert. Sie hatten ständig Angst. Viele hatten ständig Angst. Einige Erzieher, berichtet Volker und andere ehemalige Heimkinder, missbrauchten ihre Zöglinge auch sexuell sowohl im Buben- als auch im Mädchenhaus. Die Kinder erzählten es vor lauter Angst und Scham nicht weiter. Dennoch ließen sich solche Vorkommnisse auf Dauer nicht verbergen. Die Kinder wussten, wie es in den beiden Häusern zuging. Doch keiner traute sich etwas dagegen zu unternehmen. Zwar gab es immer Versuche, den Direktor zu informieren, aber es schien sinnlos. Die Erzieher hatten die Kinder in der Hand. Zu ihrem perfiden System gehörte auch, dass sie einige ältere Jugendliche zu Hilfsaufpassern bestimmten. Diese waren dann genauso brutal zu den jüngeren und schwächeren Kindern wie ihre Erzieher. Von denen hatten sie es ja gelernt. Ab und zu machte Direktor Göschel einen Rundgang durch den Kalmenhof. Dann erschien er auch im Bubenhaus, trat zu den Kindern, klatschte in die Hände und seine Begleiter warfen Bonbons in den Raum auf den Fußboden. Die Kinder stürzten sich auf die Süßigkeiten und balgten sich um sie. Der Direktor amüsierte sich, lachte laut und ging wieder weiter in die andere Gruppe, wo er sein Spiel wiederholte. Irgendwann begann Volker alles im Heim zu hassen. Und weil er den Hass auf den Direktor und die Erzieher nicht direkt loswerden konnte, hasste er jeden Baum, jede Stein, jeden Schemel, jeden Schrank, jede Türklinke, einfach jeden Gegenstand, der irgendwie mit dem Heim zu tun hatte. Und er reagierte auch an diesen Gegenständen seinen Hass ab. Er machte kaputt, was ihm in die Hände kam. Bis hin zu den Reifen am Auto des Direktors. Dem berüchtigten schwarzen Mercedes. Davon konnten ihn auch die drakonischsten Strafen nicht abhalten.

Eine Elfriede Schreyer war 1943 Waise geworden. Ihre Eltern bei einem Luftangriff in Kassel ums Lebens gekommen. Die 12-jährige kam über einige Zwischenstationen nach Idstein. Weil sie kaum sprach, erhielt sie in ihrer Fürsorgeakte den Vermerk „angeborener Schwachsinn“. Das bedeutete im Kalmenhof damals in der Regel den sicheren Tod. Denn in der Krankenstation des Fürsorgeheims nur ein paar Meter vom Bubenhaus entfernt in der sogenannten Kinderfachabteilung wurden Ballastexistenzen, Kinder die als unnütze Esser bezeichnet wurden und deren Leben als lebensunwert galt, systematisch ausgerottet. Wie in anderen Heimen in ganz Deutschland hatten sich Leitung und Personal des Kalmenhofes zunächst an der Selektion für die Zwangssterilisierung solcher Kinder beteiligt und seit 1941 unter dem stellvertretenden Heimdirektor Wilhelm Großmann diente der Kalmenhof aber auch als Zwischenlager für die Transporte nach Hadamar, dem hessischen Vernichtungslager, in dem die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogrammes vergast oder zu Tode gespritzt wurden.

Ich hab gestern einen der letzten drei noch lebenden Leute gesprochen, die in der Zeit bis 1945 hier im Heim im Kalmenhof gearbeitet haben. Er hat mir das noch mal erzählt, wie er selbst gesehen hat, wie die Busse hier vor dem Haupteingang vorgefahren sind mit den zugehängten Vorhängen. Die Busse der GEKRAT – mit dem schönen Namen „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ - sie brachten ständig Nachschub. Sie luden „aussortierte“ Kinder für die angebliche „Kinderfachstation“ im Kalmenhof aus und nahmen für Hadamar bestimmt Kinder mit. Er herrschte im Kalmenhof laut Heimdirektor Großmann ein „Kommen und Gehen“. Ich hab mit Großmann natürlich nicht gesprochen, der ist tot. Das „Kommen und Gehen“ steht in den Prozessakten des Kalmenhof-Prozesses.

Oft fuhren zwei bis drei Busse mit jeweils 30 Kinder und Jugendlichen gleichzeitig im Kalmenhof vor. Manchmal kamen Transporte mit 100 Personen auch am Bahnhof Idstein an. Das Treiben blieb im Ort nicht verborgen. Viele Idsteiner wussten schon bald, worum es ging, berichten Zeitzeugen. Die Erzieher mussten sämtliche Akten, Wertgegenstände und Geld der Zöglinge mit auf den Transport geben. Sie registrierten auch, dass nur wenige Tage nach der Abfahrt der Zöglinge deren Kleidung aus Hadamar als nicht länger benötigt zurück kam. Als zur Jahreswende 1942 die Transporte nach Hadamar vorübergehend eingestellt wurden, lief die Tötungsmaschinerie auch im Kalmenhof selbst an. Ärzte und Schwestern der Kinderfachabteilung, es waren eigentlich nur zwei Schwestern, die Schwester Maria und die Ärztin Frau Dr. Weber und noch eine andere Schwester, diese Kinderfachabteilung brachten von 1941 bis zum Einzug der Amerikaner in Idstein im März 1945 wahrscheinlich 1000 Kinder und Jugendliche um. Die meisten waren kaum älter als 15 Jahre. Genau zu dieser Zeit war Elfriede Schreyer als junges Mädchen ins Idsteiner Heim gekommen. Da sie arbeiten konnte, musste sie wie die anderen damals noch rund 400 Heimzöglinge überall mit anpacken. Kurz vor ihrem 14. Geburtstag kam sie mit Fieber auf die Krankenstation. Alle im Heim wussten, dass man die Krankenstation eigentlich nicht mehr lebend verlässt. Sie lag dort einige Wochen und wunderte sich, dass morgens, wenn sie aufwachte, viele der anderen Betten um sie herum leer waren. Das Gift mit dem die Kinder ermordet wurden, kam aus einer Apotheke in Idstein. Es waren Luminaltabletten und Morphiumspritzen. Das Rezept stellte die Ärztin aus. Die Angehörigen erhielten meist die knappe Mitteilung: „plötzlich verstorben, Beerdigung konnte nicht aufgeschoben werden“.

An die Heidelberger Universitätsnervenklinik, an der Untersuchungen an asozialen Gehirnen vorgenommen wurden, schickte der Kalmenhof heimlich die Gehirne einiger Asozialer. Das steht in dem Buch von Prof. Schrapper, „Die Idee der Bildbarkeit“, das es leider kaum noch gibt und das unbedingt wieder gedruckt werden sollte.

Als die Heimärztin Mathilde Weber zu einer 6-wöchigen Fortbildung nach Heidelberg fuhr, sank die Zahl der toten Kinder fast auf Null. Interessant ist, was bei dieser Fortbildung der Kalmenhof-Ärztin geschah. Es wurde mit Elektroschocks und Darminfektionen an lebenden Menschen in Heidelberg experimentiert. Einige Patienten starben daran noch während des Kurses. Das Ziel dieser Elektroschockversuche war, ein therapeutisches Koma bei widerspenstigen Fürsorgezöglingen einzuführen. Der Kalmenhof erhielt sogar ein solches Elektroschockgerät, von dem ich gehört habe, dass es in den 50er Jahren noch da gewesen sein soll. Elfriede Schreyer, die nach dem Krieg noch mehr als Jahrzehnte bis 1970 im Heim bliebt, hatte Glück. Die Todesärztin Weber erkrankte selbst an Tuberkulose. Die Tötungen wurden ausgesetzt. Elfriede kam zurück ins Mädchenhaus. Sie überlebte auch, weil sie sich nützlich machte und gebraucht wurde. Sie arbeitete in der Hauptküche, schälte Kartoffeln, bereitete das Essen vor. Im schwarzen Kleide mit weißer Schürze und Häubchen bediente sie im Heimkasino, so hieß damals der Sternensaal, die hohen Herren des Kalmenhofes, Offiziere der SS und Idsteiner Nazis. Neun Monate vor Kriegsende, im Sommer 1944 übernahm der Arzt Hermann Wessel die Nachfolge der erkrankten Ärztin. Da sie ihm jedoch kaum noch angelieferte Delinquenten hinterlassen hat und Transporte aus Berlin nicht mehr kamen, suchte der Nachfolger nach möglichen Ballastexistenzen direkt im Kalmenhof. Dabei hatte er im stellvertretenden Heimdirektor Großmann einen willigen Verbündeten. Der forderte seine Erzieher und Werkstättenleiter auf, Listen von Bettnässern anzufertigen. Anschließend schickte Großmann diese Zöglinge zur Station Wessels.

Im Kalmenhof wurden damals auch als asozial und widerspenstig geltende Fürsorgezöglinge getötet. Fürsorgezöglinge. Besonders solche, die wiederholt aus Heimen geflohen waren oder als „unbildbare, arbeitsscheue Zöglinge“ galten.

Heute Morgen las ich in der Zeitung übrigens in Berichten einen Begriff der sich immer mehr breit in unseren Medien macht, die sogenannten „bildungsfernen Schichten“. Irgendwie muss man über so einen Begriff nachdenken, wenn man den heute so stark in der Öffentlichkeit verwendet, er wird immer mehr im Zusammenhang mit Intensivtätern und problematischen Jugendlichen verwendet, dieser Begriff “bildungsferne Schichten“. Damals ging es um die „unbildbaren Zöglinge“.

In einigen Fällen sind die Akten der im Kalmenhof Umgebrachten noch erhalten, z. B. vom 16-jährigen Georg Rettich, der wegen Arbeitsbummelei eingewiesen worden war. Der kerngesunde Jugendliche wurde nach mehreren Fluchtversuchen aus dem Bubenhaus in die Kinderfachabteilung geholt und im Dezember 1944 ermordet. In einem anderen Fall war die 17-jährige sehr gut aussehende Ruth Pappenheimer als „asozial“ bzw. „charakterlich abartig“ eingestuft worden und man gab ihr eine Morphiumspritze, an der sie starb. Sie liegt dort, wo auch die anderen liegen, auf dem Gelände des Kalmenhofes.

Fürsorgezögling Karl-Heinz Zeil, 15 Jahre, war ein Schulschwänzer und kam wegen Arbeitsbummelei zur Strafenerziehung in den Kalmenhof. Im Oktober und November 1944 versuchte er drei Mal aus dem Idsteiner Kalmenhof zu seinen Eltern in seinen Geburtsort Langendernbach zu fliehen. Nach seinem dritten Fluchtversuch forderte der dortige Bürgermeister vom zuständigen Jugendamt Limburg „sehr strenge Maßnahmen“. Der Brief liegt schriftlich vor. Zwei Tage später, am 24. November 1944 meldete der Kalmenhof, „der Zögling Karl-Heinz Zeil ist heute in unserer Anstalt gestorben“. Seinen Eltern gelang es, den Sarg mit ihrem toten Sohn aus dem Kalmenhof herauszuholen. Sie haben ihn mit nach Hause genommen und dort geöffnet. De Eltern waren wegen der Todesursache „Kreislaufschwäche“ misstrauisch geworden und erschraken, als sie den Sarg im Beisein von Zeugen zu Hause öffneten. Ihr Brief an das Jugendamt Limburg ist in den Akten voll erhalten, da steht drin: „seine Haare sind kurz geschoren, an der linken Halsschlagader ein Einstich, anscheinend von einer Spritze herrührend. Der ganze Körper war blutunterlaufen und mit dicken Striemen bedeckt. Die Hoden waren geplatzt. Es war offensichtlich, dass der Junge zu Tode geschlagen war“. In den Taschen fanden die Eltern den letzten Brief ihres Sohnes. „Liebe Mutter, sie sind gegangen und haben mich wieder eingesperrt. Aber ich gehe wieder meine Wege. Ich bleibe nicht hier im Kalmenhof. Komm und hole mich. Liebe Mami, mach“.

Im Kalmenhof wurden Kinder mit Ochsenziemern zusammengeschlagen. Darüber hatte sich auch dieser 15-jährige in einem heimlich verschickten Brief 10 Tage nach seiner Einweisung schon beschwert. Die lederharten Streifen wurden in der heimeigenen Schlachterei aus getrockneten Penissen der Ochsen hergestellt. Bis weit in die 60er Jahre benutzt. Ich glaub, hier sitzen einige im Saal, die das noch kennen gelernt haben.

Um die hohe Zahl von Beerdigungen kostengünstig und nicht allzu auffällig durchzuführen, wurde in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses mitten im Kalmenhof auf einem Unkrautacker gleich hinter der Heimschule ein Massengrab angelegt. Dort wurden die Opfer aus der Kinderfachabteilung in mehreren Schichten übereinander begraben.

Erst der Einmarsch der Amerikaner im März 1945 machte dem Morden im Kalmenhof ein Ende. Das Töten der Ballastexistenzen wurde gestoppt. Die wichtigsten Beteiligten verhaftet, aber der Ungeist der NS-Zeit und der Erziehung lebte noch lange weiter. Elfriede Schreyer musste auch nach der Befreiung im Kalmenhof bleiben. Sie wird stets Überwachung und Führung nötig haben, heißt es 1946 in einem Akteneintrag über sie. Später, nachdem sie als 20-jährige Anfang der 50er Jahre erstmals Mutter geworden war, wurde ihr „sexuelle Triebhaftigkeit“ unterstellt. Sie selbst versprach sich von einem Mann endlich aus dem Heim herausgeheiratet zu werden. Wahrscheinlich wurde die traumatisierte junge Frau von Erziehern im Heim geschwängert. Mehrmals versuchte sie zu fliehen. An die Schläge mit dem Rohrstock, wenn sie gefasst wurde, konnte sie sich noch gut erinnern. Eine Schule durfte sie nie besuchen. Viele der alten Erzieher und Angestellten im Kalmenhof blieben teils bis in die 60er Jahre dort weiter beschäftigt. Gestern erzählte mir der inzwischen 91-jährige Erzieher Fritz Kirsch, der 14 Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner in Idstein selbst verhaftet und verhört wurde, dass ein Erzieher, der nach seiner Ansicht direkt an der Euthanasie beteiligt gewesen war, noch lange im Kalmenhof beschäftigt war und unbehelligt blieb. Das müsste man noch genauer nachprüfen.

1956 brachte Elfriede ihren Sohn Heinz zur Welt. Sie gab ihn trotz Druck nicht zur Adoption frei. So kam er wie seine beiden Geschwister direkt nach der Geburt in ein Säuglingsheim nahe Idstein. In den Fürsorgeakten steht, dass „der Sohn der schwachsinnigen Elfriede auch selbst schwachsinnig“ aussehe und daher „nicht von einer Pflegefamilie akzeptiert“ werden könne. 1957 wurde Elfriede unter ungeklärten Umständen sterilisiert. 1957!!
In den ersten 11 Lebensjahren sah Heinz seine Mutter nur bei einem einzigen Besuch im Kalmenhof. Erst 1967 ließ man ihn zu ihr. Heinz wurde ins Bubenhaus eingewiesen. Gruppe zwei im zweiten Stock. Nun war er zwar in Elfriedes Nähe, aber in den ersten Wochen bekam der Sohn seine Mutter kaum zu Gesicht. Die Kalmenhof-Dienstmagd arbeitete außer in der Küche und der Wäscherei in einer Bäckerei in Idstein, ebenfalls ohne echten Lohn. Zudem putzte sie bei Angestellten, Lehrern, Direktoren des Kalmenhofes. Sie hat in den Jahren der Euthanasie gelernt, dass ihr nichts geschah, solange sie eben arbeitete. Heinz sah seine Mutter nur, wenn sie ihn bei den Mahlzeiten im Speisesaal bediente. Der 12-jährige stand in der Hierarchie der Bubenhauses recht weit unten. Er und seine Mutter galten als der letzte Dreck bei den Erziehern. Heinz wurde von ihnen Bastard gerufen und selbst die anderen Kinder tuschelten und stichelten. Das Leben im Heim war unerträglich für ihn, doch abhauen konnte er nicht. Zu wem auch. Seine Mutter war wie er ja im selben Heim. Heinz und Elfriede Schreyer mussten sich manches Mal Sprüche anhören wie „dich haben sie wohl vergessen, zu vergasen“. Auf dem zum Kalmenhof gehörigen Hof Gassenbach hatten zwei der besonders brutalen Erzieher alte Nazi-Tätowierungen. Einer brüstete sich ständig offen mit seiner Zeit bei der SS. Heinz-Peter Junge erlebte öfter wie sie besonders grausam und ohne jegliches Verständnis für ihre Lage behinderte Kinder als Krüppel verspotteten und züchtigten, wenn sie auf dem Kartoffelacker bei der Ernte nicht mithalten konnten. Einmal ging er dazwischen, als er sah, wie ein Erzieher mit einem Keilriemen nach den Behinderten schlug. Er bekam den harten Riemen selbst mehrfach über sein Gesicht gezogen. Ein anderes Mal war ein langer Nagel in dem Brett, mit dem der selbe Erzieher wegen Arbeitsverweigerung nach Junge schlug. Die Spitze grub sich tief in seinen Rücken, die Umstehenden hatten Mühe Heinz-Peter damals abzuhalten, selbst zum Täter zu werden. Er hatte den Erzieher mit dem Kopf schon fest in den Misthaufen gedrückt. In den 60er Jahren achtete Direktor Göschel wie schon sein Vorgänger Ernst Illge in den 50er Jahren stets darauf, nur harte Kerle einzustellen. Göschel hielt auch die Erzieher an, mit aller Härte durchzugreifen. Eine Abrechnung mit der Ideologie und Pädagogik der Nazi-Zeit fand im Kalmenhof damals nicht statt. Dazu trug auch das Schweigekartell der Bürger vor Ort bei. Die Idsteiner sorgten dafür, dass die Massenmorde an wehrlosen Kindern und Jugendlichen rasch vergessen wurden. Fast alle Beteiligten an den Verbrechen im Kalmenhof blieben ohne nennenswerte Bestrafung und lebten zum größten Teil in Idstein weiter, als wäre nichts gewesen. Zwar wurden Heimdirektor Großmann und die beiden Ärzte Weber und Wessel 1947 zum Tode verurteilt, doch wurden in den 50-er Jahren die Urteile in Gefängnisstrafen umgewandelt und alle Verurteilten kamen, bis auf Wessel, vollends frei.

Die Idsteiner Bevölkerung unterstützte aktiv eine Revision der Gerichtsurteile für den Direktor des Kalmenhofes und die Ärztin Weber, Ehegattin eines angesehenen Idsteiner praktischen Arztes, der übrigens als Stabsarzt auch im Krankenhaus im Lazarett im Kalmenhof tätig war. Es seien doch „stets charaktervolle und wohltätige Mitbürger“ gewesen, hieß es. „Jeder hier weiß“, das ist jetzt ein wörtliches Zitat aus der Petition der Idsteiner Bürger „jeder hier weiß, mit welchem Pflichtgefühl und welche Liebe sich Frau Dr. Weber für die ihr anvertrauten Pfleglinge und Patienten eingesetzt und aufgeopfert hat“. In den schmucken Gassen des durch den Krieg kaum in Mitleidenschaft gezogenen Fachwerkstädtchens wurden dafür sogar 600 Unterschriften gesammelt. Ein Pfarrer, ich glaube ein evangelischer Pfarrer, forderte ebenso die Revision wie die Bürgervertretung Idsteins. Frau Dr. Weber lebte bis zu ihrem Tod hier in Idstein. Man sah sie bis vor einigen Jahren, wenn sie durch die Fußgängerzone zu ihrem Mietshaus ging. Der ursprünglich zum Tode verurteilte Direktor Großmann kam noch 1970 als angesehener Mann in den Kalmenhof, um seine Beihilfeanträge als ehemaliger Staatsdiener einzureichen. Im Kalmenhof sprach niemand über die Vergangenheit. Auf dem Massengrab wucherte Unkraut. Ein paar Obstbäume wurden gepflanzt. Der neue Direktor der Heimschule ließ Anfang der 60-er Jahre einen Schulgarten errichten. Heinz Schreyer erinnert sich noch Salat, Radieschen und Mohrrüben, die in den kleinen Beeten in der Nähe des Massengrabes von ihm und anderen Mitschülern geerntet wurden. Die junge Psychologin Gertrud Zovkic, die zur Jahreswende 1966/67 im Kalmenhof ihre Arbeit aufnahm, entsetzte sich über die Zustände, die sie vorfand. Sie lernte dort „vollkommen unfähige Erzieher und mittelalterliche Zustände“ kennen und prangerte 1969 dann auch öffentlich die „autoritären und demagogischen Praktiken“ des damaligen Kalmenhof-Direktors Göschel an, „denn die Prügelstrafe ist im Kalmenhof noch immer System“, schrieb sie damals. Einige der von ihr als militaristisch kritisierten Erzieher hatten zu ihrem Entsetzen mehrere Zöglinge als Prügelgarde eingesetzt, die renitente Heiminsassen zusammenschlug. Vor dem Wiesbadener Schöffengericht mussten sich später insgesamt fünf Erzieher wegen Misshandlung Schutzbefohlener verantworten. Einer verteidigte sich mit der Bemerkung „Ohrfeigen hat es bei uns doch oft gegeben, da war doch nichts besonderes dran“. Darüber hat die Frankfurter Rundschau damals groß berichtete. Die Erzieher sind auch mit Foto und Namen in diesem Artikel gezeigt und genannt.

Das Ende vom Lied – ich kürz das mal ab – es gab Geldstrafen, 60 DM und 100 DM. Dabei hatte einer der Erzieher vor Gericht berichtet, durch eine Ohrfeige habe ein Zögling einen Trommelfellriss erlitten. Und ein vom Schreiner zum Kalmenhof-Erzieher aufgestiegener Mann hatte vor Gericht sogar gestanden, „ich hab auch schon mal mit dem Stuhlbein geschwungen“. So war das im Kalmenhof in den 60-er Jahren. Der Prozess war 1971. Die Psychologin Zovkic setzte sich auch für das Ende des Schlachtbetriebes ein sowie dafür, dass Elfriede Schreyer nach beinahe drei Jahrzehnten den Kalmenhof endlich verlassen dürfte.

Es war jedoch so: diese Aufklärung, diese Aktivitäten brachten der Frau Zovkic jede Menge Ärger ein, nicht nur mit den Erziehern, sondern auch mit Idsteiner Bürgern und vor allem mit der Kasseler Zentrale des Landeswohlfahrtsverbandes. 1970 musste nicht Direktor Göschel, sondern zuerst die „Nestbeschmutzerin“ Zovkic gehen. Der Landeswohlfahrtsverband holte Göschel dann in seine Hauptverwaltung nach Kassel. Die meisten Erzieher, das stellte Karl Reitinger, der spätere Nachfolger Göschels 1972 bei seinem Amtsantritt fest, waren ohne entsprechende Qualifikation auf die Kinder losgelassen worden. Von 90 Angestellten im Gruppendienst hatten nur vier, man stelle sich das einmal vor: vier von 90, eine echte pädagogische Ausbildung. Es dauerte jedoch noch lange, bis der neue Direktor hinter alle Geheimnisse des Erziehungsheimes kam, denn 1978, zum 90-jährigen Bestehen hatte er sich unter Mitarbeitern über die Geschichte des Hauses erkundigt und auf Grundlage dieser Informationen hielt er dann vor 150 Gästen und Angestellten eine Rede im Sternensaal des Hauptgebäudes, mit dem er unbewusst die Legenden um die Vergangenheit des Heims weiterspann. Wörtliches Zitat – ich weiß nicht, ob Herr Reitinger hier ist – „Bevor ich mit einem großen Sprung an die Gegenwart anknüpfe, möchte ich jedoch einer Frage nicht ausweichen, die oft gestellt wird: Wurden in der Hitlerzeit im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogramms im Kalmenhof Menschen umgebracht? Diese Frage kann mit einem klaren Nein beantwortet werden.“ Keiner der Festgäste erhob Einspruch. Unter ihnen waren aber viele, die es besser wussten. Erst als Anfang der 80er Jahre Idsteiner Schüler eine Studienreise mit der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz machten, brachte ein junger Pfarrer den Verdacht mit, dass im Kalmenhof Kinder umgebracht worden seien. Ein Auschwitz-Überlebender hatte den Kindern gesagt: „Ihr seid doch aus Idstein, wisst ihr eigentlich, dass bei Euch im Kalmenhof Kinder umgebracht worden sind?“

Ich find das unglaublich, dass das dieses Wissen um den Kindermord im Idsteiner Kalmenhof binnen weniger Jahre verloren ging. Ich hab mich heute Morgen, als ich das noch mal las, gefragt, was haben die Direktoren hier überhaupt mitbekommen von der Wirklichkeit, oder was wollten sie davon nur mitbekommen? Was hat der Landeswohlfahrtsverband von der Wirklichkeit der Fürsorgeerziehung mitbekommen, was die zuständigen Aufsichtsbehörden des Landes Hessen, wenn nicht einmal ein Massengrab auf dem eigenen Heimgelände mehr da ist, obwohl es da ist?

Die Gartenbeete der Fürsorgezöglinge bei dem Massengrab wurden diskret beseitigt, doch es dauerte dann auch immer noch eine ganze Weile, bis 1987 alle Widerstände für ein Gedenken gebrochen waren und einige Inschriften an dieser Stelle angebracht wurden. Heute erinnert immerhin eine Ausstellung im Kalmenhof an die Massenmorde der Nazijahre. Sie endet natürlich 1945.

Kürzlich trafen sich einige der Jungen aus dem Bubenhaus zum ersten Mal nach mehr als drei Jahrzehnten wieder in ihrem ehemaligen Heim. Volker, Karl-Heinz, Michael und der Sohn von Elfriede Schreyer waren mit dabei. Sie standen vor dem Rasen unter dem mindestens 600 Ermordete liegen und fanden das ungeheuerlich, dass sie nah dieser Stelle einst Radieschen geerntet hatten, dass sie jedoch Morgen auf ihrem Schulweg zur Heimvolksschule hier vorbei kamen, ohne etwas davon zu wissen, in Zweierreihen, immer mit einem fröhlichen Volkslied auf den Lippen.

„Die Erinnerungen an den Kalmenhof sind immer in mir“, sagte Volker einmal zu mir. „Die gehen nicht weg.“ Er will eines der Mädchen finden, die er versucht hat vor den Grausamkeiten der Erzieher zu beschützen, die Marion. Bis jetzt hat er sie noch nicht gefunden. Michael Fritz ist schwer traumatisiert. Er fürchtet sich vor Händen, kann nicht in engen Räumen sein, bekommt Angstzustände, wenn er unter der Dusche steht. Heinz-Peter Junge würde noch einmal gern den Erzieher sprechen, der ihn damals auf dem Landgut des Kalmenhofes zusammengeschlagen hat, nur um zu fragen, warum er damals eigentlich so brutal gewesen war. Doch sein Brief nach Idstein blieb bis heute g unbeantwortet.

 

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