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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
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- Bethanien-Schwestern
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- Sendung vom 15.2.2006

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Idstein Zeitung 10.Juni 2006 Kopie

Auszug aus dem Buchkapitel “Blut und Schokolade” (über den Kalmenhof):

Elfriede Schreyer war 1943 Waise geworden, ihre Eltern bei einem Luftangriff in Kassel ums Leben gekommen. Die 12-Jährige kam über einige Zwischenstationen nach Idstein. Weil sie kaum sprach, erhielt sie in ihrer Fürsorgeakte den Vermerk „angeborener Schwachsinn“. Das bedeutete im Kalmenhof damals in der Regel den sicheren Tod. Denn in der Krankenstation des Fürsorgeheims, nur ein paar Meter vom Bubenhaus entfernt, in der sogenannten „Kinderfachabteilung“, wurden „Ballastexistenzen“, Kinder, die als „unnütze Esser“ bezeichnet wurden und deren Leben als „lebensunwert“galt, systematisch ausgerottet.

Um die hohe Zahl von Beerdigungen kostengünstig und nicht allzu auffällig durchzuführen, wurde in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses mitten im Kalmenhof, auf einem Unkrautacker gleich hinter der Heimschule, ein Massengrab angelegt.Dort wurden die Opfer aus der „Kinderfachabteilung“ in mehreren Schichten übereinander begraben. Jedes dieser Massengräber hatte lediglich eine Nummer. Der Einmarsch der Amerikaner im Idstein 1945 machte dem Morden im Kalmenhof ein Ende. Das Töten der Menschen als „Ballastexistenzen“ wurde gestoppt, die wichtigsten Beteiligten verhaftet. Aber der Ungeist der NS-Zeit lebte noch lange weiter.

Elfriede Schreyer musste auch nach der Befreiung im Kalmenhof bleiben. „Sie wird stets Überwachung und Führung nötig haben“, heißt es 1946 in einem Akteneintrag über sie. Später, nachdem sie als 20-Jährige Anfang der 50-er Jahre erstmals Mutter geworden war, wurde ihr „sexuelle Triebhaftigkeit“ unterstellt. Sie selbst versprachsich von einem Mann, „endlich aus dem Heim herausgeheiratet“ zu werden. Wahrscheinlich wurde die traumatisierte junge Frau von Erziehern im Heim geschwängert. Mehrmals versuchte sie zu fliehen. An die Schläge mit dem Rohrstock, wenn sie gefasst wurde, kann sie sich noch gut erinnern. Eine Schule durfte sie nie besuchen. Viele der alten Erzieher und Angestellten im Kalmenhof blieben teils bis in die 60-er Jahre dort weiter beschäftigt.

Elfriede Schreyer und Sohn1956 brachte Elfriede ihren Sohn Heinz zur Welt. Sie gab ihn trotz Druck nicht zur Adoption frei, so kam er, wie seine beiden Geschwister, direkt nach der Geburt in ein Säuglingsheim nahe Idstein. In den Fürsorgeakten steht, dass der Sohn der „schwachsinnigen“ Elfriede auch „schwachsinnig aussehe“ und daher nicht von einer Pflegefamilie akzeptiert werden könne. 1957 wurde Elfriede unter ungeklärten Umständen sterilisiert. In den ersten elf Lebensjahren sah Heinz seine Mutter nur bei einem einzigen Besuch im Kalmenhof. Erst 1967 ließ man ihn zu ihr. Heinz wurde ins „Bubenhaus“ eingewiesen, Gruppe zwei, im zweiten Stock. Nun war er zwar in Elfriedes Nähe, aber in den ersten Wochen bekam der Sohn seine Mutter kaum zu Gesicht. Die Kalmenhof- Dienstmagd arbeitete außer in der Küche und der Wäscherei in einer Bäckerei in Idstein, ebenfalls ohne jeglichen Lohn. Zudem putzte sie bei Angestellten, Lehrern und Direktoren des Kalmenhofes. Sie hatte in den Jahren der Euthanasie gelernt, dass ihr nichts geschah, solange sie arbeitete. Heinz sah seine Mutter nur, wenn sie ihn bei den Mahlzeiten im Speisesaal bediente. Im Laufe der Zeit kamen sich Mutter und Sohn im Heim etwas näher. Sie nahm ihn gelegentlich mit und zeigte ihm die Schreinerei, erzählte ihm vom Massengrab, in das sie beinahe auch gekommen wäre. Von dem Grab war jedoch nichts mehr zu sehen, und Heinz verstand nicht, was seine Mutter erzählte. 1968 kämpften die Kinder im Heim darum, dass sie lange Haare tragen durften. Doch der Chauffeur des Heimdirektors, der nebenher die Zöglinge mit seiner Haarschneidemaschine so gerne kurz schor, wehrte sich vehement gegen derartige Neuerungen. Er hatte Direktor Göschel auf seiner Seite.

Der zwölfjährige Heinz stand in der Hierarchie des „Bubenhauses“ recht weit unten. Er und seine Mutter galten als der letzte Dreck bei den Erziehern. Heinz wurde von ihnen „Bastard“ gerufen, und selbst die anderen Kinder tuschelten und stichelten. Das Leben im Heim war unerträglich für ihn, doch abhauen konnte er nicht – zu wem auch? Seine Mutter war, wie er, im Heim. Heinz nahm die Strafen hin, wie sie kamen. Er musste einmal zusammen mit anderen Jungen nachts barfuß im Schnee stehen, weil sie im Schlafraum in den Betten getobt hatten. Michael Fritz und der kleine Volker, die mit Heinz Schreyer zur gleichen Zeit im „Bubenhaus“ waren, wurden wiederholt mit anderen Kindern abends aus den Schlafsälen ins Erdgeschoss beordert, weil es zu laut geworden war. Sie mussten alle in die Knie gehen und die Arme ausstrecken. Auf die ausgestreckten Arme wurden schwere Bücher, oft waren es Bibeln, gelegt. Wer sie herunterfallen ließ, bekam Schläge mit Rohrstock oder Ochsenziemer auf die Hände.

Heinz und Elfriede Schreyer mussten sich manches Mal Sprüche anhören wie: „Dich haben sie wohl vergessen zu vergasen!“ Auf dem zum Kalmenhof gehörigen „Hof Gassenbach“ hatten zwei der besonders brutalen Erzieher alte Nazi-Tätowierungen, einer brüstete sich ständig offen mit seiner Zeit bei der SS.

 

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