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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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 Auch als Taschenbuch!

Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
- offener Brief an Gohde
- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

-Ordenskorrespondenz

Aktuelle Artikel von Peter Wensierski im SPIEGEL hier...

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Peter Wensierski hier...

Der lange Weg zur öffentlichen Wahrnehmung

Es hat lange gedauert, bis das Schicksal der Heimkinder in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist. Dabei hatten irische und amerikanische Opfer bereits seit vielen Jahren auf die Misshandlungen in ihren Ländern aufmerksam gemacht.
Erst nachdem das SPIEGEL-Buch “Schläge im Namen des Herrn” im Jahre 2006 erschien, begann sich auch hierzulande nach und nach eine breitere Öffentlichkeit dafür zu interessieren, was hinter den Mauern der staatlichen und kirchlichen Erziehungseinrichtungen zwischen 1945 und 1975 - und teils auch später noch - geschehen ist.

Hier ein kurzer Abriss der Entwicklung

1996
enthüllte eine BBC-Dokumentation, dass Nonnen Insassen von Erziehungsheimen in Irland mit Stühlen oder Rosenkränzen geschlagen hatten. Der irische Staat entschuldigte sich 1999 für diesen und andere Vorfälle in nationalen Bildungs- und Sozialeinrichtungen.
 

2002
bezeichnet die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" den auf dem Filmfestival von Venedig vorgestellten Film "The Magdalene Sisters" des schottischen Regisseurs Peter Mullan als "schlecht gelungene Karikatur". Der Regisseur arbeite mit zu vielen Verallgemeinerungen und Typisierungen, als dass sein Werk eine ernst zu nehmende Kritik an der Kirche und ihrer Sozialarbeit darstellen könnte, schreibt die Vatikanzeitung. Unterzeichnet ist der wütende Dreispalter von einem Pater namens Patruno.
“Magdalene Sisters” erregte die erste größere Aufmerksamkeit für das Thema.
In seinem Spielfilm schildert Mullan die Ausbeutung und psychische Misshandlung junger Frauen, die im Jahr 1964 in einem katholischen Stift in Irland als "gefallene Mädchen" abgestempelt werden. Der Film erzählt die in Irland teils bis Mitte der 90er Jahre herrschenden Zustände in Häusern der Sisters of Mercy aus der Sicht dreier junger Frauen. Die barmherzigen “Magdalenen-Schwestern” hatten junge Mädchen, die unehelich schwanger wurden oder andere vermeintlich unmoralische Vergehen begangen hatten, aufgenommen und in ihren Häusern unter teils sklavenähnlichen Bedingungen ausgebeutet. Nach Aussagen von Betroffenen soll es häufig zu Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch gekommen sein.
Das Vatikan-Blatt “Osservatore Romano” kritisiert, der katholische Filmemacher und Schauspieler suche immer wieder den Anklang an Klassiker der Kino-Geschichte und verliere dabei den Bezug zur Realität. Wenn der Film die Kirche auf "einige psychopathische Lager" in Irland oder Schottland hätte hinweisen wollen, dann sicher nicht mit einer so wütenden und rachsüchtigen Provokation.
Im September 2002 übt der Vatikan scharfe Kritik an der Auszeichnung des Films "Magdalene Sisters" beim Filmfestival von Venedig. Der Film sage "nicht die Wahrheit über die Kirche und ist auch kein Ruhmesblatt für das Festival", er bringe es vielmehr in Misskredit, meinte Kardinal Ersilio Tonini. Nach Ansicht des katholischen Journalisten Gianni Baget Bozzo ist der Film "allein wegen seines anti-katholischen Inhalts" mit dem "Goldenen Löwen" ausgezeichnet worden.
Auch Valerio Riva vom Verwaltungsrat der Biennale äußerte in der Tageszeitung "La Repubblica" deutliche Ablehnung. Der Preis für Mullan sei eine Provokation. "Für mich ist die Verleihung des Löwen an einen Regisseur verdächtig, der die Katholiken für schlimmer hält als die Taliban", sagte Riva wörtlich. Der Film mache "unkorrekte Propaganda". Riva zieht sogar Vergleiche zwischen dem schottischen "Magdalene Sisters"-Regisseur Peter Mullan und Leni Riefenstahl. "Riefenstahls Filme konnte man erst nach dem Tod Hitlers als Kunstwerke betrachten; vorher waren sie reine Propaganda".
Für Andrea Piersanti, Präsident des katholischen Filmwesens in Italien, ist es "paradox", dass gerade der Film ausgezeichnet sei, der Publikum und Kritik am meisten gespalten habe. Es sei ein "bizarres Zeichen, dass das erste Filmfestival unter einer Mitte-Rechts-Regierung einen erklärtermaßen antiklerikalen Film prämiert hat". Bereits im Vorfeld hatte die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" Mullans Film als "schlecht gelungene Karikatur" bezeichnet.

 

2003
In Deutschland läuft im Januar 2003 der Peter-Mullan-Film unter dem Titel “Die Unbarmherzigen Schwestern” in den Kinos. Kurz darauf nimmt Gisela Nurthen, ehemaliges Heimkind des Vincenzheims Dortmund, Kontakt mit dem SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski auf. Sie berichtet ihm - nach 30 Jahren Schweigen - von den Demütigungen,
Misshandlungen und den Schlägen der Vincentinerinnen Anfang der 60er Jahre. Es handelt sich um den Orden der “Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul”

In einem SPIEGEL-Artikel im Mai 2003 mit dem Titel “ Die Unbarmherzigen Schwestern” von Peter Wensierski wird über das Schicksal ehemaliger Heimkinder in Deutschland berichtet, darunter das von Gisela Nurthen, Marion Zagermann, Jürgen Schubert und Gerald Hartford. “Priester und Nonnen misshandelten in den fünfziger und sechziger Jahren Tausende Jugendliche, die ihnen in Heimen anvertraut waren. Die damals Betroffenen wollen den Skandal nun aufklären, stossen aber auf eine Mauer des Schweigens.” Erstmals erfährt auch in Deutschland eine grössere Öffentlichkeit etwas über das Schicksal der Heimkinder der Nachkriegszeit. Das Echo auf den SPIEGEL-Bericht ist überwältigend: hunderte von Lesern schreiben, oft über ihr eigenes Schicksal.

Für die in dem irischen Spielfilm "Magdalene-Sisters" dokumentierten Grausamkeiten an jungen Mädchen entschuldigt sich im September 2003 eine US-Ordensgemeinschaft. "Wir bedauern zutiefst den zugefügten Schmerz und die Ungerechtigkeit", heißt es in einer in Washington veröffentlichten Erklärung der “Sisters of Mercy”. Wortlaut in Englisch...

 

2004
Der katholische Orden der “Barmherzigen Schwestern” (“Magdalene Sisters”) in Irland entschuldigt sich vorbehaltlos für Gewalt und Missbrauch an “Schutzbefohlenen”. In der in Dublin veröffentlichten Erklärung des Ordens heisst es, die 1996 ausgesprochene Verzeihungsbitte sei noch nicht weit genug gegangen. Die Opfer der Vorfälle aus den 50er und 60er Jahren begrüssten den Schritt, drängten jedoch auf weitere Aufklärung und Wiedergutmachung.
 

2005
In Irland haben sich im Dezember 2005 nach einem Aufruf durch die Regierung bis zum 15. Dezember insgesamt 14.768 betroffene ehemalige Heimkinder gemeldet und ihre Anträge auf Entschädigung, bei einem eigens dafür eingerichteten “Residential Institutions Redress Board” (Entschädigungsausschuss für Heimbewohner), eingereicht. Die Antragsteller und der Entschädigungsausschuss für Heimbewohner erklärten, dass es in den staatlich gegründeten und unter Leitung der römisch-katholischen Kirche stehenden Einrichtungen, wie Kinderheimen, Waisenhäusern und Kinderhospitälern, oft zu körperlichen Übergriffen durch das Betreuungs- und Heimpersonal gekommen sei.
Dabei habe es sich nicht nur um körperliche Misshandlungen, sondern oft auch um sexuelle Übergriffe gehandelt. Diese führten, in den meisten Fällen, zu nachhaltigen Traumatisierungen und anderen seelischen Schäden, an denen die Opfer in ihrem späteren Leben bis heute noch leiden.

2006
Das SPIEGEL-Buch “Schläge im Namen des Herrn” erscheint im Februar 2006 in Deutschland.

2006 -2009
Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages beschäftigt sich erstmals in seiner Geschichte ausführlich mit Anhörungen von Betroffenen, Experten und Vertretern der Institutionen anlässlich einer Petition zum Schicksal der Heimkinder. Er gibt klare Empfehlungen an die Bundesregierung und an die Kirchen, dem Schicksal der Heimkinder nachzugehen.
Durch die bundesweite Öffentlichkeit entstehen mehrere wissenschaftliche Studien, etwa zur “Diakonie Freistatt” und anderen Heimen, viele ehemalige Heimkinder berichten über ihre Erlebnisse in Zeitungen, Radio und Fernsehen. Manche schreiben Bücher über ihre Geschichte. Das jahrzehntelange Schweigen und die Scham, ein Heimkind gewesen zu sein, sind durchbrochen.

2009
In Berlin trifft sich am 17. Februar 2009 der bundesweite Runde Tisch Heimerziehung zu seiner ersten Sitzung. Bis Dezember 2010 sollen Handlungsvorschläge an die Regierung erarbeitet werden.

2010
Nach monatelangen Enthüllungen über sexuellen Missbrauch, vor allem in katholischen Internaten, Schulen und Heimen, tritt am 23. April 2010 ein Runder Tisch der Bundesregierung zusammen, um über den sexuellen Missbrauch in Erziehungseinrichtungen zu sprechen. Ende 2010 gibt es dann einen “Abschlussbericht des Runden Tischs Heimerziehung 2008 -2010” Kirchen und Staat einigen sich darauf, mindestens 120 Millionen Euro an Hilfen für ehemalige Heimkinder bereitzustellen.
hier im Wortlaut nachzulesen...
(pdf-Datei, 67 Seiten)

2011
Nun müssen die Bundesländer und die Kirchen die Empfehlungen des Runden Tisches umsetzen, rund 120 Millionen in einen Entschädigungsfonds einzahlen. Im Mai 2011 gibt es die ersten konkreten Zustimmungen von Diözesen und Bundesländern. Ende Juni folgt der Deutsche Bundestag und alle Bundesländer den Empfehlungen des Runden Tisches. Zusätzlich werden die ehemaligen Heimkinder der DDR mit in die Regelung aufgenommen. Die 120 Millionen Euro werden um etwa 30 - 40 Millionen weitere Euro aufgestockt.
Damit ist der Weg frei. Die Gründung regionaler Anlaufstellen und einer Stiftung, die die Hilfen organisiert, hat im Sommer 2011 für die ehemaligen Heimkinder in der Bundesrepublik begonnen. Anfang 2012 können die Hilfen ausgezahlt werden.

Radio Schweden meldete am
25. April 2006:

Heimkinderverein “Gestohlene Kindheit” („Stulen Barndom“ )
klagt vor Gericht

Berichte über Misshandlungen in Kinderheimen kratzen seit Monaten am Selbstbild der kinderfreundlichen Schweden. Nun haben 30 ehemalige Kinderheimbewohner mehrere Kommunen im Raum Stockholm auf Schadenersatz für die von ihnen erfahrenen Leiden verklagt. Doch Rechtsexperten bezweifeln, dass die Klage den gewünschten Erfolg bringt.

Es ist ein weiteres Kapitel aus der finsteren Geschichte schwedischer Kinderheime. Am Montag reichte Peter Lindborg, Vorsitzender des Vereins „Stulen Barndom“ – „Gestohlene Kindheit“ – seine insgesamt 32 Klageschriften bei der Justizbehörde ein Was bislang nur für Historiker oder Soziologen interessant war, wird nun also auch ein Fall für die Justiz.

Lange galten Schwedens Kinderheime als vorbildlich, doch seit geraumer Zeit häufen sich die Berichte über regelmässige und umfassende Misshandlungen. In diesen Gefängnissen haben zwischen 1950 und 1980 rund 100.000 Kinder ihr Dasein gefristet. Torbjörn Thornström ist eines der ehemaligen Heimkinder, das mit Schrecken auf die damalige Zeit zurückblickt: „Ich war sexuellem Missbrauch ausgesetzt, litt unter psychischen Druck. Man hat mich geradezu als Arbeitskraft genutzt. Vielen ging es so. Viele haben danach keine Ausbildung machen können oder mussten krankgeschrieben werden.” 

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