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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
- offener Brief an Gohde
- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

-Ordenskorrespondenz

Aktuelle Artikel von Peter Wensierski im SPIEGEL hier...

Kontakt zu
Peter Wensierski hier...

Einige Bilder aus Freistatt, aufgenommen am 4. Mai 2006 und
ergänzt um weitere Motive aus dem Archiv der Diakonie Freistatt

zum Betrachten einfach auf die Fotos klicken....

Berichte über die Veranstaltung am 4.Mai 2006 hier...

Gebäude

Gebäude

Innen

Die Zellen im obersten Stockwerk

Zelle1

Spion

Treppe

Reste des alten Waschraumes

Torfloren

Schienen

Lesung am 4. Mai 2006 in der Moorkirche

Im Moor

Archiv

ältere Akten

Innen

Innen

Gebäude Diakonie Freistatt

Pumplore

Verrostete Maschine

Maschine

Werkhalle

 Schlafsaal

02 Torfbagger mit Jugendlichen

03 Ortsschild

04 Pumploren 1968 vor Moorhort

05 Pumplore

06 Pumplore Arbeit

07 Appell

08 Torfstechen

09 Torfstapeln

10 Bude Deckertau

11 Bude im Moor

12 Torf im Winter

13 Torf im Winter

14 Torf im Winter

15 Lepel-Str

16 Neuwerk Baustelle

17 Neuwerk Baustelle

18 Neuwerk Kalus Lähnemann 1

19 Neuwerk Kalus Lähnemann 2

20 Neuwerk Einweihung

21 Neuwerk

22 Appell

23 Gartenbau

24 Feldarbeit

25 Feld

26 Werkhalle

27 Werkhalle

28 Schule

29 Landkarte

30 Moorburg 1958 Sportfest

31 Deckertau 1961 Sportfest

32 Moorburg 1958 Fußballmannschaft

33 Moorburg 1958 Siegerehrung

34 Deckertau 1961 Urkunden

35 Sportfest

36 Fußballmannschaft

37 Vier junge Männer

38 Billardtisch

39 Billard

40 Rauchen

41 Billardgruppe

42 Rauchpause

43 Radio

44 Ballance

45 Moorstatt

46 Schlafsaal

47 Waschsaal

48 Nachttöpfe

49 Erzieherzimmer

50 Moorburg Nebenhaus

51 Moorstatt Erntedank

52 Erntekranz

53 Kolonne sonntags

54 Moorkirche 1958

55 Weihnachten

56 Weihnachten

57 Moorstatt 1960 Ausflug Bremen

58 Neuwerk 1962 Hermannsdenkmal

59 Bundesrat

60 Jugendherberge

61 Opelwerk

62 Party 1

63 Party 2

64 Party 3

65 Party 4

66 unterm Baum

Berichte über die Veranstaltung am 4.Mai 2006

Sulinger Kreiszeitung 8.Mai 2006
Ein Rundgang voller Emotionen - Ehemaliger Fürsorgezögling besucht nach 40 Jahren die Diakonie Freistatt
“Als ich jetzt nach dieser langen Zeit in meine Akte schauen konnte, war ich schon überwältigt. Da kamen so viele schlimme Erinnerungen aus meiner Kindheit in mir hoch”, so Willi Komnick. Für ihn stellt sich in diesen Momenten immer wieder nur die Frage: “Warum haben sie mich mit acht Jahren in ein Heim gesteckt? Und später die Zeit in Freistatt?”

 

Warum habt ihr mich geschlagen? - Lesung in der Moorkirche - Ehemalige Zöglinge besuchen erstmals Fürsorgeeinrichtung
“Ich hatte doch nichts getan, warum habt ihr mich geschlagen?....Am Ende gab es von Karl Kämper eine ENtschuldigung im Namen der ehemaligen Kollegen und Vergebung durch die Besucher.”

 

Bericht von der Diakonie Freistatt

Pressemitteilung vom 05.05.2006:

Lesung mit Spiegel-Autor Peter Wensierski / Rundgang durchs heutige Freistatt

Eine sehr offene und emotionale Diskussionsrunde/Wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas

FREISTATT. Der Vorstand der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und die Diakonie Freistatt hatten Spiegel-Autor Peter Wensierski zu einer Lesung in die Freistätter Moorkirche eingeladen, um sein kürzlich erschienenes Buch „Schläge im Namen des Herrn“ vorzustellen. Unter den weit mehr als 100 Zuhörern waren auch etwa 30 ehemalige Fürsorgezöglinge, die in den 50er und 60er Jahren in Freistätter Fürsorgeheimen untergebracht waren.
In einer kurzen Einleitung zeigte Pastor Wolfgang Tereick , Geschäftsführer der Diakonie Freistatt, einige Aufnahmen aus dieser Zeit. Jugendliche bei der Arbeit im Moor, auf den Feldern, einen Schlafsaal mit 40 Betten oder die Zimmer in den verschiedenen Einrichtungen. „Ich habe beim ersten Blick auf die Bilder gedacht: Das darf ja wohl nicht war sein!“ Genauso erging es Peter Wensierski, als er vor einiger Zeit anfing, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Er wollte damit erreichen, dass die Betroffenen endlich Gehör finden und sich trauen, offen über ihre Erlebnisse zu sprechen. Damals gab es in ganz Deutschland rund 3000 Fürsorgeheime für Jungen und Mädchen. Und viele dieser Zöglinge waren aus nichtigen Gründen in diese Heime gebracht. Die Jugendämter überlegten nicht lagen, entschieden häufig nach Aktenlage. Und diesen Kindern und Jugendlichen ging immer wieder nur ein Satz durch den Kopf: „Warum bin ich eigentlich im Heim und was habe ich getan?“. Fragen, auf die sie nie eine Antwort bekamen. Auch die Länge des Aufenthalts war nicht bekannt. Besonders für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahre ein psychische Belastung. Dazu kamen die schlechten Bedingungen. „Es wurde viel weggesperrt, das Essen war knapp und bei Verfehlungen wurden wir bestraft. An die Schläge erinnere ich mich heute noch“, so ein ehemaliger Zögling bei der anschließenden Diskussionsrunde.


Die Emotionen kochten zu Beginn hoch, wurden während der fast 90-minütigen Diskussionsrunde immer besonnener und es fand der gewollte Austausch statt. „Genau hier wollen Bethel und die Diakonie Freistatt ansetzen“, erklärte dazu Wolfgang Tereick. „Wir wollen anfangen, uns damit auseinanderzusetzen und wollen eine Annäherung erreichen“, so Wolfgang Tereick. Und Dr. Rolf Engels vom Vorstand der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel ergänzte: „Niemand, auch nach ihren Erzählungen am heutigen Abend, kann sich dem verschließen, was sie als ehemalige Zöglinge erlebt haben. Und wir stellen uns der Verantwortung und haben deshalb in der letzten Woche im Vorstand ein Forschungsprojekt verabschiedet, in dem dieses Thema wissenschaftlich aufgearbeitet werden soll.“ In Zusammenarbeit und durch Interviews mit den betroffenen Menschen sowie den Akten wird die Kirchliche Hochschule der Öffentlichkeit eine entsprechende wissenschaftliche Aufarbeitung im Herbst 2007 vorstellen.

 

Foto von der Veranstaltung (zum Betrachten auf den folgenden Link klicken:):
Weit über 100 Zuhörer, darunter ehemalige Zöglinge, die in den 50er und 60er Jahren in den Freistätter Fürsorgeheime untergebracht waren, verfolgten die Lesung von Peter Wensierski

 

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Wolfgang Rosenkötter

Mein erster Tag in Freistatt

Die lange Allee geht in eine Landstraße über, an der rechts und links weite Felder liegen, ab und zu einmal ein Bauernhof. Und dann dieser Geruch nach Jauche, der sich mit meinem Angstschweiß vermischt. Der VW-Bus biegt plötzlich nach links ein und es erscheinen einige Häuser, ein weiter Platz und ein Schild: „Freistatt“. Mir wird noch übler vor Angst. Ich bin am „berüchtigten“ Ort angekommen.

Wir halten vor einem großen, dunklen Gebäude. Die Fenster sind vergittert und alles wirkt trostlos grau. Nachdem ich ausgestiegen bin, empfängt mich eine dröhnende Männerstimme: „Mal nicht so lahmarschig, Kerl. Bewegung, Bewegung!“ Ich erblicke einen dicken Mann mittleren Alters in einer Reiteruniform und mit einer Gerte in der Hand. „Mein Name ist Bruder Klapproth und ich bin hier der Hausvater. Du hast mich und die anderen Brüder immer mit Bruder anzureden und nach einer Aufforderung oder einer Bemerkung immer „Danke“ zu sagen, verstanden? Wir sollen hier einen Menschen aus Dir machen und das werden wir. Du wirst arbeiten bis zum Umfallen und jeglichen Gedanken an Flucht kannst Du Dir aus dem Kopf schlagen. Bete und arbeite, dann hast Du es hier gar nicht so schlecht.“

Ich war im „Vorhof zur Hölle“, wie die anderen Jungs im Heidequell Freistatt genannt hatten, angekommen und hatte gleich meinen Peiniger der nächsten zwölf Monate kennen gelernt. Mit weichen Knien und Angst bis zum Hals folgte ich dem „Bruder“ ins Haus. Zuerst ging es in den Keller und ich erhielt Arbeits- und Freizeitkleidung, Bettwäsche und Badeartikel. Die Arbeitskleidung bestand aus einem dicken, kratzigen Hemd, einer dicken Jacke, einer dünnen Hose, einem Paar Sandalen für die Freizeit und einem Paar „Botten“, dicken Holzschuhen mit einem Lederschaft. „Damit Du nicht weglaufen kannst“, sagte der Kollege, der mir die Wäsche gab. „Nach drei Monaten erhältst Du dann Gummistiefel, die sind bequemer. In die Botten musst Du ordentlich Fußlappen stopfen, dann ist es nicht so schlimm.“

Danach ging es zwei Treppen hoch in den Schlafraum, einen großen, viereckigen Raum, in dem etwa 45 Betten standen. Der Hausvater führte mich zu einem Bett in einer der Ecken. „Hopp, hopp, schnell beziehen, danach kommst du nach unten in den Gemeinschaftsraum“, dröhnte die Stimme von „Bruder“ Klapproth. Über meinem Bett war eine Glasscheibe und daneben eine Tür. Später erfuhr ich, dass immer ein Bruder in der Nacht auf uns aufpassen musste. Nachdem ich das Bett bezogen hatte, ging ich mit einem dicken Kloß im Hals nach unten in den Gemeinschaftsraum, einem schmucklosen, dunklen Raum mit Tischen und Stühlen an den Wänden und einem großen Billardtisch in der Mitte. Hier empfing mich wieder der Hausvater und stellte mich anderen „Brüdern“ vor. Sie machten alle einen grimmigen und unnahbaren Eindruck und erzeugten weitere Angst bei mir. „Gleich geht“s raus ins Moor zum Arbeiten. „Bruder“ Rethschulte wird dich ins Moor zu deiner Kolonne bringen. Iß noch ein Brot, trink eine Tasse Tee und dann los.“

Nach dem kurzen Essen quälte ich mich in die „Botten“ und die Arbeitskleidung. Die Fußlappen in den Holzschuhen verschlimmerten die Sache nur und schon nach ein paar Schritten hatte ich Schmerzen. Aber der „Bruder“ drängte und so humpelte ich zu einer Lore auf Schienen, dem gängigen Transportmittel in Freistatt. Die Lore wurde mit einem Pumpmechanismus fortbewegt. Dieses Pumpen war meine erste Tätigkeit in Freistatt. „Geht es nicht noch schneller?“ Die stechenden Blicke des „Bruders“ Rethschulte trafen mich. Er sollte ebenfalls als Horrorfigur in meinen Träumen der nächsten Monate auftauchen.
Dann eine Reihe gebückter Rücken und eine Holzhütte. „Meine“ Kolonne war erreicht. „Hier bringe ich euch Frischfleisch“, lachte „Bruder“ Rethschulte. „Nehmt ihn nur ordentlich ran, damit er gleich weiß, wie hier der Wind weht.“ Sprach’s und fuhr mit der Lore wieder zurück.
Ich bekam einen Kollegen zugeteilt und wir mussten mit einem Spaten in einem Graben Torfstücke ausstechen und sie zu einem Haufen am Grabenrand aufschichten. Noch nie hatte ich so eine schwere Arbeit leisten müssen und schon nach einer halben Stunde konnte ich nicht mehr. „Wohl zu fein zum Arbeiten, was?“, ertönte die süffisante Stimme des „Bruders“ Aufseher. „Hoffentlich bewegst du dich bald, sonst setzt es was!“
Meine Füße bluteten inzwischen von der Reibung der Holzschuhe und meine Hände kriegten die ersten Blasen. Aber die Angst trieb mich an und so arbeitete ich weiter, bis der erlösende Ruf „Feierabend!“ kam. „Alles auf die Loren, aber zügig“! Mit vier dieser Fahrzeuge ging es wieder zum Haus zurück. Ausziehen, Waschen und das Anziehen der Freizeitkleidung erfolgten bei mir wie in Trance. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Dann ging es in den Gemeinschaftsraum, wo uns der „Hausvater“ empfing. Breitbeinig, die Reitpeitsche in der Hand, stand er mit einem bösen Grinsen im Raum. Nachdem wir an den Tischen Platz genommen hatten, sagte „Bruder“ Klapproth: „Einige haben heute im Moor ihr Soll nicht erfüllt, wie ich gehört habe. Damit das morgen nicht wieder passiert, machen wir mal einen kleinen Entengang um den Tisch“. Wir mussten in Hocke hintereinander im Gänsemarsch um den Tisch laufen. Nach ein paar Schritten kam ich hoch, weil ich nicht mehr konnte. „Willst du wohl runter, Kerl!“ Die Reitpeitsche sauste auf meinen Rücken. Ich biss die Zähne zusammen und machte weiter.
Wie ich das Abendbrot und den Weg ins Bett geschafft habe, wusste ich nicht mehr. Aber als ich ins Bett fiel wusste ich: Ich war tatsächlich im Vorhof zur Hölle angekommen.